DIE KI KLAUT MIR MEINEN JOB. UND ICH FREUE MICH DARÜBER.


Ein knallbunter - ehrlich gesagt ziemlich hässlicher Flyer lädt mich zu einer Ballermann Party in ein Kaff am Rand der Stadt ein. Das Design ist scheiße aber die Veranstaltung wird trotzdem gut besucht sein. Mein Dönermann des Vertrauens hat Ki-generierte Bilder von Pide im Fenster hängen. Sieht unappetitlich aus aber ich kauf mir trotzdem Falafel. Eine Bekannte steht auf einer Stadion-Tribüne zwischen zig Frauen die alle Uniform tragen, Sie hat eine Kippe im Mund, im Hintergrund läuft der neue Song von "Yung Lean". Sie springt auf den Trend auf um ihr Nagelstudio auf TikTok zu bewerben. Das komplette Video ist KI-generiert und sieht nichtmal schlecht aus.
Hilfe! ChatGPT und Claude klauen mir meinen Job!
Alles daran sollte mir Sorgen machen. Weil genau dafür gibt es meinen Job! Als Kreative bezahlen mich die Menschen für die Arbeit, die sie nicht selbst machen können. Deshalb habe ich jahrelang Flyer gestaltet, Bilder bearbeitet, Posts erstellt und Zeitschriften gelayoutet. Einmal, habe ich meinen gesamten Tag damit verbracht, den Hintergrund von über 200 Bildern von kleinen Pralinen zu entfernen, damit sie auf der Website des Kundens gelistet werden können. Das hat mich (und den Kunden) 7 Stunden gekostet. Jetzt kann KI den Größtenteil dieser Aufgaben erledigen. Wieso ich mir trotzdem keine Sorgen um meine Zukunft mache, erzähle ich hier.
Früher war ich die KI
Grundsätzlich stimmt es, dass die künstliche Inteligenz mir diesen Teil meines Jobs "klaut". Schön ist das nicht. Weil Kund*innen mich vor 5 Jahren noch für viel banalere Aufgaben engagiert haben als heute. Aber ist es denn auch wirklich das, was ich mir vorgestellt hatte als ich diesen Berufsweg eingeschlagen habe? Würde ich nicht lieber spannende Kampagnen leiten? Und emotionale Bilder einfangen? Oder außergwöhnliche Ideen pitchen? Die KI übernimmt das stundenlange freistellen von Bildern oder das verfassen einer Caption, zu einem Thema zu dem ich recherchieren müsste. Das sind Aufagben, welche ich vorher zwar übernommen habe, allerdings fanden weder Kund*innen noch ich diesen Prozess wirklich sinnbringend. Es waren Prozesse die erledigt werden mussten, nur war ich eben die Einzige die dies übernehmen konnte.
Kund*innen wollen mich nicht engagieren weil ich die mühselige Arbeit übernehme, von der sie nichts verstehen. Sie arbeiten mit mir weil ich kreative, außergewöhnliche und maßgeschneiderte Lösungen biete. Und das kann die KI nicht.
Das Problem mit dem KI Hype
Kurz gesagt: Kluge Kreative nutzen KI als Tool um ihre Arbeit effizienter zu machen. Leider ist dieses Werkzeug in den falschen Händen wie ein Vorschlaghammer der Unternehmen zerlegt.
Die AOK schaltet auf Instagram Werbung in der Eltern auf dem Spielplatz mit ihrer Tochter spielen. Das Video ist offensichtlich durch KI erstellt und wer zu blauäugig ist das zu erkennen, der weiß spätestens bei einem Blick in die Kommentare bescheid. Denn die lassen kein einziges gutes Haar an der Kampagne. Einige drohen sogar damit die Krankenkasse zu wechseln. Auch ich sage: Absolutes No-Go.
Eine Instagram Ads Kampagne hat die AOK also bei vielen Unsern ins Aus geschossen. Und das nur, weil irgendein Vorsitzender meinte, sich die zwölf Euro an Adobe Stock Kredits zu sparen die es gekostet hätte, echtes Videomaterial zu kaufen.
Aber was ist mit der Ballermann-Party in Niedertupfingen? Der Veranstalter hat seinen Werbeflyer mit ChatGPT erstellt. Natürlich sieht das grässlich aus, die Frau auf dem Cover hat sechs Finger und alles ist viel zu überladen. Aber hätte er denn, im Gegensatz zur AOK, die Resourcen gehabt jemand Professionelles für die Gestaltung zu beauftragen? I doubt it. Habe ich also wirklich etwas verloren?

Wenn "human-made" zum Qualitätsmerkmal wird
Dior, BVLGARI und Porsche. Luxusmarken brüsten sich in ihren neuen Kampagnen mit animierten Videos von echten Künstler*innen. Die Animationen sind angenehm anzuschauen. Kreativ, stimmige Farben, in manchen Frames kann man Unregelmäßigkeiten erkennen. Man sieht einfach, das hier Menschen gearbeitet haben, die ihr Handwerk verstehen. Sicherlich kosten diese Kampagenen das vielfache von dem, was die Brands für normale Werbung zahlen. Wieso also der Aufwand?
Weil offensichtlich "human-made" das ist, was jetzt heraussticht. Wer ein kleines Vermögen für einen Luxusartikel ausgibt, erwartet eine luxoriöse Erfahrung. Das zählt nicht nur für das Produkt sondern auch für den Content den die Marke liefert.
Während der Döner-Mann und meine Bekannte im Nagelstudio also einfach den billigsten Weg nehmen, sich zu bewerben, gehen Luxusmarken absichtlich die extra Meile um herauszustechen. Für Kreative ein absoluter Gewinn. Denn was vorher als lästige Werbeausgabe galt ist jetzt eine wertvolle Investition die das Image einer Marke nachhaltig prägt.
Animiertes Video-Ad für Porsche kreiert von "Parallel Studio".
BE DIFFERENT OR BE OUT
Natürlich könnte ich mich jetzt darüber aufregen, dass es weniger Arbeit für mich gibt. Im Endeffekt bringt mir das aber auch keine neuen Aufträge. Was mich wirklich weiterbringt ist ein Alleinstellungsmerkmal.
Kreative Ansätze, Markenverständnis welches über Farbgebung und Wordings herausgeht und Werbung, die im echten Leben stattfindet sind Attribute welche die KI mir nicht abnehmen kann. Verändert sich mein Aufgabengebiet also nur? Kann ich mich künftig auf das konzentrieren auf das ich mich gefreut habe als ich mich auf Marketing spezialisiert habe? Und bringt mir das nicht auch Kund*innen, welche genau das so schätzen?
In Zeiten in denen ich durch einen Prompt ersetzbar bin, muss ich das liefern, was unersetzlich ist.
Wirksame Werbung erweckt Emotionen, die die KI nunmal einfach nicht hat!
Wer mich allerdings dennoch für das monotone freistellen von Bildern von Süßwaren bezahlen möchte: Ihr wisst wo ihr mich findet.
P.S.: Für diesen Blogbeitrag habe ich keinerlei KI verwendet. Schreibfehler sind der Beweis.


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